
(aus: Four Lions)
Geschafft! Vorgestern Abend ist in Berlin das 24. Fantasy Filmfest mit dem Abschlußfilm Rubber beendet worden, gestern Abend habe ich meinen letzten Text dazu abgeben. Wenn das nicht mal ein schöner Anlass ist, hier mal wieder ein bißchen zu bloggen. Überhaupt: Das heiße Wetter ist vorbei, alle Krankheiten sind überstanden und die Muse, also zumindest meine, ist angesichts von trübem Himmel und neben dem Rechner bereitstehender Teekanne sowieso ungleich größer als wenn draußen die Sonne brüllt.
Lange Rede, kurzer Sinn; meine Hoffnung ist groß, dass ich es schaffen werde, hier mal wieder mehr zu schreiben.
Aber zurück zum Fantasy Filmfest. Deutschlands bestes Kinofestival wurde am Dienstag, den 17. August in Berlin eröffnet, einen Tag später ging es in Hamburg los und wenn die beiden Städte am 25. August mit den neuen Schockern und Genrefilmen durch sind, folgen noch Köln, Frankfurt, München, Stuttgart, Nürnberg und zum ersten Mal meine absolute Lieblingsstadt Hannover.
Hier ein kleiner Rückblick und kurze Überlegungen zu ein paar Filmen, die ich gesehen habe und die mir erinnerungswürdig scheinen; andere Filme verschwinden besser für immer in der Versenkung, manche sind mir wirklich egal. Mehr dann bald in den nächsten Ausgaben der Deadline und der Jungle World. Nur so viel: Ja, es war Arthouse-Lastig.
The Pack
(Frankreich / Belgien 2010, 35 mm, 81 min, R: Franck Richard)
Eröffnet wurde das Festival mit dem französischen Film The Pack (O: Le Meute): Hier nimmt eine junge Frau, die offensichtlich in ihrem Leben noch keinen Horrorfilm gesehen oder zumindest ernst genommen hat, einen Anhalter mit, der lotst sie in eine Kneipe wo sie dann gefangen gehalten wird. Der erste Teil des Films ist gewöhnlicher Outbackhorror, der zweite Teil schlägt einen anderen Ton an und ist eine hübsch gruselig zusammengebastelte Monster-Menschenfresser-Story. Erster und zweiter Teil kommen aber nicht so recht zusammen und ganz logisch ist das alles auch nicht. Nicht schlecht, aber auch nicht gut, aber das scheint sich langsam zu einem Merkmal der Opening Nights zu entwickeln.
The Killer Inside Me
(USA 2010, 120 min, R: Michael Winterbottom)
Zuerst einmal: Casey Affleck ist der amerikanische Frank Giering! Oder vielleicht besser so: Casey Affleck spielt die Rolle, die Frank Giering hätte spielen sollen. Ob nur in diesem Film oder auch sonst: Keine Ahnung, ich glaube, ich habe sonst noch nie einen Film mit Ben Afflecks kleinem Bruder gesehen. Michael Winterbottom zeichnet sehr genau nach wie der angepasste texanische Debuty Lou immer verrückter und immer brutaler wird, immer mehr Menschen, vor allem aber seine beiden Geliebten (Jessica Alba, Kate Hudson) umbringt. Trotz Rückblenden in Lous Kindheit vermeidet Winterbottom, der mir bisher eher als beliebiger bis egaler bis schlimmer Regisseur aufgefallen war, jede Psychologisierung.
Monsters
(Großbritannien 2010, 94 min, R: Gareth Edwards)
Monsters ist wieder so ein Fall von „Trailer gone wrong“: Ehrlich, ich habe gedacht: District 9-Abklatsch, vulgäre Kritik an amerikanischen Missständen, Aliens als billige Metaphern für Migranten. Während District 9 aber nicht zuletzt auch das (gelungene) Experiment war, wie man Action und Science Fiction nicht nur neu sondern auch mit relativ geringerem Budget bombastisch erzählen könnte, ist Monsters eher ein Roadmovie beziehungsweise eine fantastische Reisegeschichte an deren Ende romantische Erkenntnisse liegen.
The Last Exorcism
(USA 2010, 82 min, R: Daniel Stamm)
Daniel Stamms Debüt begleitet im Dokustil ein Kamerateam und einen Priester aus Louisiana, der jahrelang Exozismen angeboten hat und nun mit einem letzten ausgeführten deren Gefährlichkeit dokumentieren möchte. Auch wenn der Film seine Qualität nicht bis zum Ende halten kann, nutzt er seinen Mittel dennoch gut um die Vorstellungen von Glaube und Wissenschaft, Beratungsangeboten und privaten Problemen, Inszenierungen von Übersinnlichem ordentlich durchzurütteln und nebenbei eine Antwort auf die Frage zu formulieren ob man heute noch einen Exorzismus-Film drehen kann. Man kann!
Clash
(Vietnam 2009, 90 min, R: Le Thanh Son)
Der erste Filme aus einem asiatischen Land, den ich auf dem diesjährigen Festival gesehen habe und ein sehr solider, moderner Martial Arts-Thriller aus Vietnam. Großartige Krampfchoreografien, ordentliche Story, spannene, düstere, kalte Atmosphäre, aber leider auch viel Kitsch. was die Liebesgeschichte der beiden Protagonisten Trinh und Quan angeht. Die beiden lernen sich kennen als Trinh Quan für eine kriminelle Mission anheuert. Was er nicht weiß: sie arbeitet nur für ihren Auftraggeber, weil der ihre Tocher als Geiselt hält. Was sie nicht weiß: Er ist ein Undercoverpolizist.
Eine Heroic Bloodshed-Hommage pro Fantasy Filmfest muss schon sein...
Bedevilled
(Südkorea 2010, 115 min, R: Cheol.Soo Jang)
Ebenfalls ein Film aus der Reihe Focus Asia, allerdings aus Südkorea. Im ersten Teil des Films ein Drama, das die Mißhandlungen einer jungen Frau auf einer detailliert begleitet, im zweiten Teil dann blutiger Splatter, der brutal und lustig ist aber trotzdem die Erzählung aus dem ersten Teil nicht aus den Augen verliert. Bedevilled ist das Debüt von Cheol-Soo Jang, dem ehemaligen Regieassistenten von Kim-Ki Duk und defintiv ein Filmemacher, den man im Auge behalten sollte.
The Loved Ones
(Australien 2009, 84 min, R: Sean Byrne)
Es scheint einige Menschen zu geben, die wie ich mit Splatter, aber auch mit einer Vorliebe für John Hughes-Filmen aufgewachsen sind. Das ging wohl vielen auf dem Festival so und wahrscheinlich auch dem australischen Regisseur Sean Byrne, der in The Loved Ones die Teenagerjahre zwischen Blutrot und Promnight-Pink inszeniert und die Frage stellt ob die Schmerzen der Teenageangst rechtfertigen anderen mit einem Bohrer zu quälen. Einer der absoluten Höhepunkt und jetzt schon auf meiner Lieblingsfilmliste.
Four Lions
(Großbritannien 2010, 102 min, R: Chris Morris)
Nach The Loves Ones der zweite Film bei dem ich mich geschüttelt habe vor lachen. Die im Mockumentary-Stil gedrehte Komödie updated den britischen Humor nicht nur stilistisch sondern auch thematisch und begleitet 4 junge Muslime dabei wie sie sich erst zu Djihadins ausbilden lassen wollen, nachdem das aber gescheitert ist, sich selber aufmachen, um beim London Marathon als Suicidebombers den heiligen Krieg zu führen. Ich will nicht viel mehr erzählen, aber ein paar Details noch: Schafe explodieren und der Unterschied zwischen einen Wookie und einem Bär wird auch eine entscheidende Rolle spielen. Beste Komödie seit sehr sehr langem!
Enter the Void
(Frankreich/Deutschland/Italien 2009, 154 min, R: Gaspar Noe)
Ich habe Enter The Void zwar nicht auf dem Fantasy Filmfest gesehen, da er aber einer der Höhepunkt des diesjährigen Festivals ist, kommt er trotzdem mit in die Aufzählung. Schon in den ersten zehn Minuten waren aber alle Bedenken, dass alles könne vielleicht nur ein blöder Hype sein, weggewischt, denn man wird man hineingezogen in diesen, ja, ich sag es einfach: Trip. Seitdem habe ich wohl jeden Tag an den Film, dem man mit keiner Beschreibung gerecht wird, gedacht. Nur so viel: Der eine Film will Träume bauen und es wird nur Schrott draus, der andere will sie filmen und es wird große Kunst.
The Chameleon
(Kanada/Frankreich/USA 2010, 106 min, R: Jean-Paul Salomé)
Puh, schwieriger Fall. Nach zwanzig Minuten fiel mir das erste Mal ein: Die Geschichte kenn ich aus irgendeiner Zeitung: Französischer Erwachsener behauptet er sei das verlorene Kind einer amerikanischen Familie und alle glauben ihm. Schade, dass Jean-Paul Salomé sich nicht entschieden hat, was er für ein Film drehen möchte, so bleiben die einzelnen Teile des Films fragmentarisch. Dennoch machen die Schauspieler Emilie de Ravin, Marc-André Grondin, Famke Janssen, aber vor allem Ellen Barkin als abgehalfterte Mutter den Film sehenswert. Wenn ich eine TV-Movie-Bewertung abgeben müsste, würde ich „zweispältig“ schreiben.
The Disappearance of Alice Creed
(Großbritannien 2009, 98 min, R: J Blakeson)
Ein fein durchkomponiertes, dicht inszeniertes Kammerspiel, das ohne Rückblenden und sonstigen Erklärungsschnickschnack die Entführung der Millionenerbin Alice erzählt, die von ihren zwei Entführern in einer kleinen Wohnung gefangen gehalten wird. Die geringe Quadratmeterzahl ausgewählt als perfekter Ort der Suspense hätte Hitchcock stolz gemacht.
The Scouting Book For Boys
(Großbritannien 2009, 93 min, R: Tom Harper)
Es ist ja so: Je länger wir nicht mehr jung sind, desto schöner kommen uns die Teenagerjahre vor: wie Weichzeichnererinnerungen an eine unbeschwerte Zeit. Aber wie war es denn wirklich? Wie brutal, verletzend, gemein und schlimm war zum Beispiel der erste Vertrauensbrauch der besten Freundin? Wie sehr hat einen der erste Liebeskummer die Magengegend zusammengezogen, dass man kaum noch denken konnte? Aber was, wenn das gleichzeitig passiert? Wenn man zum Beispiel in seine beste Freundin verliebt ist? Das passiert David, für den die rosaroten Wolken der Kindertage allzu schnell platzen. Und der sich dafür rächt.
Amer
(Frankreich/Belgien 2009, 90 min, R: Hélène Cattet, Bruno Forzani)

Noch mehr als bei Enter The Void hatte ich große Angst Amer zu sehen. Seit einem Jahr verfolge ich sämtliche Berichte über die Giallo-Rekonstruktion des belgischen Regisseur-Duos Hélène Cattet und Bruno Forzani. Im Programmheft des Festivals steht: „Irgendwo sitzt die die unheilige Dreifaltigkeit Argento, Fulci und Fernando di Leo und nickt... zustimmend.“ Zumindest ich als großer Fan von Fulci und Argento hab im Kinosaal die ganze Zeit genickt, wenn ich nicht einfach nur glücklich war: Große Kunst, ein Film in Giallo über Giallo, ein Film über das Kino für das Kino und immer wenn man denkt, jetzt könnte es eigentlich nur noch plätschern, jetzt hätte man alles gesehen, zieht Amer wieder an und setzt noch einen drauf. Den möchte ich sehr bald noch einmal in einem Kino sehen. Gerne auch dutzende Male.
Backyard
(Mexiko 2009, 122 min, R: Carlos Carrera)
Ich lese zur Zeit 2666 von Roberto Bolano und da geht es, wenn man überhaupt wirklich sagen kann worum es in 2666 geht, um die Frauenmorde in der mexikanischen Stadt Santa Teresa, die in Wirklichkeit Ciudad Juarez heißt. Im vierten der fünf Bücher, aus dem der Roman besteht, werden all die Toten aufgelistet, die seit Anfang der 90er Jahre gefunden wurden. Mittlerweile sind es mehr tausende. Dunkelziffer unbekannt. Was sich im Buch als dunkelstes Geheimnis offenbart, will die Polizistin Blanca in Backyard ganz weltlich aufkären. Backyard will manchmal ein bißchen viel, aber wer kann das dem Regisseur Carlos Carrera angesichts des scheinbar undurchdringlichen Themen aus strukturellem Frauenhass bis hin zu Verschwörungstheorien schon verdenken.
22 Bullets
(Frankreich 2010, 115 min, R: Richard Berry)
Im Grunde stellt jeder Gangster-Film diese Frage: Was ist das Gute an diesem Bösen? Und gibt es das, den guten Bösen? Richard Berrys 22 Bullets setzt einen Schritt weiter ein und inszeniert Jean Reno als geläuterten Mafiaboss Charly Mattei, der sich versucht hat aus seinem Geschäft zurückzuziehen, den aber die eigene Vergangenheit einholt als er mit 22 Kugel angeschossen lebend im Krankenhaus erwacht. Die Ermittlung an dem Fall übernimmt Marie Goldman, gespielt von Marina Fois. Beide haben den gleichen Feind, Unterweltboss Tony Zacchia, denn Goldmans Mann wurde von ihm umgebracht. Durch die Spiegelung der Situation der beiden - trauernde Polizistin auf der einen, moralischer Gangster auf der anderen Seite - ergibt sich eine dichte Dynamik. Bester Gangsterfilm und vielleicht auch bester Thriller, den ich seit sehr langem gesehen habe.
Rubber
(Frankreich 2010, 84 min, Quentin Dupieux)
Rubber in Spielfilmlänge zu dehnen ist purer Größenwahn, denn dieser konzeptionalisierte Nonsens um einen mörderischen Autoreifen ist klassisches Kurzfilmmaterial. Quentin Dupieux aka Mr. Oizo macht es trotzdem und ich habe viel gelacht. Vielleicht lag es aber auch am zum Film getrunkenen Wein oder an der Freude, dass es der letzte Film der langen acht Tage war. Vielleicht ist das aber auch der Trick: Rubber bitte nur betrunken und erleichtert schauen!

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